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Wenn Bagger baggern
NZZ   1. Juni 2002
 
 
Kanton Aargau mit Baustellencharme an der Expo 02
 
Unter strahlend blauem Himmel hat sich die Piazza der Arteplage Neuenburg am Kantonstag Aargau einmal in eine chaotische Baustelle, in ein Labyrinth und dann auch in eine Bühne für das zentrale Spektakel verwandelt - eine aussergewöhnliche Darstellung des alten Aargauer Volksliedes «Im Aargöi sind zwöi Liebi». Hauptdarsteller waren drei turtelnde und streitende Baumaschinen. Dem Publikum gefiel's.
 
 
gfr. Neuenburg, 1. Juni
 
 
Männer in grell oranger Arbeitskleidung, herumrennende und schreiende Jugendliche in blauweissen T-Shirts, Verkehrsschilder und alle möglichen Baustellen-Materialien prägten das zuweilen wirre Bild auf der Piazza. Das Motto des Kantonstags Aargau lautete «Ausfahrt Aargau» (mancherorts mit dem Zusatz «Richtung Zürich gesperrt» versehen). Damit versuchten die Macher, dem Auftrag der Expo-02-Leitung, «Mythos und Gegenwart» des eigenen Kantons darzustellen, gerecht zu werden. Das verbreitete Klischee eines Durchfahrtskantons wurde mit inszenierten Baustellen, symbolischen Staus und Ausfahrt- Signalen variiert. Aber auch altes Brauchtum wie der Meitli-Sonntag in Fahrwangen und Meisterschwanden oder die Chlausklöpfer aus Lenzburg kam zum Zug. Untermalt wurde diese Mischung mit volkstümlicher und moderner Musik oder mit dem jazzigen Alphornensemble aus Murgenthal.
 
Turtelnde Baumaschinen
 
Herzstück und auch Publikumsmagnet bildete die über den ganzen Tag verteilte und in Szenen dargestellte Liebesgeschichte des alten Aargauer Volksliedes «Im Aargöi sind zwöi Liebi». Baumaschinen, ein Pneubagger und eine Hutter-Baggerin mimten die Hauptdarsteller «es Meiteli» und «es Büebli». «Die hättid enander gärn». Doch den Pneubagger zog es «zu Chriege».
 
 
Während die Hutter-Baggerin demnach die Rückkehr ihres Liebsten erwartete, verteilten Sekundarschüler, auf Kommando und durch eigene Sprechchöre und koordinierte Schreie ermutigt, Schilder, Latten und Pfosten auf der Piazza. Wem dies ein wenig rätselhaft erschien, dem half vielleicht der Hinweis auf einem Schild: «Verkehrsbehinderungen am 1. Juni; wir bauen für ihr Vergnügen». Roman Pöllinger, der mit seiner 4. Sekundarschulklasse aus Zumikon mithalf, den Publikumsverkehr zu behindern, versicherte, Freude daran zu haben.
 
 
Die Hutter-Baggerin, des Wartens nachmittags bald einmal müde, war froh, dass sich der Hutter- Bagger zu ihr gesellte. Mit ihren Bagger-Hälsen und Bagger-Schaufeln turtelten die beiden anmutig wie Giraffen und verteidigten ihre Liebe vor dem soeben aus dem Krieg zurückgekehrten und äusserst eifersüchtigen Pneubagger. Lautes Gedröhn kündigte aus der Luft nahende Hilfe für den Nebenbuhler an. Doch auch die aus dem Armeehelikopter entsprungene Sondereinheit «Argus» der Kantonspolizei Aargau vermochte nichts mehr zu retten. Die beiden Turtel-Bagger heirateten schliesslich unter dem Getöse des Hochzeitsmarschs und unter dem Beifall des in der Hitze verweilenden Publikums.
 
Ungewöhnliche Begegnungen
 
So, wie sich die Zuschauer für die Bagger-Liebesgeschichte Zeit nehmen mussten, soll sich die Schweiz bewusst sein, was sie verpasst, «wenn sie nicht ausfährt in den Aargau», meinte der Aargauer Staatsschreiber und Präsident des Leitungsorgans für den Kantonaltag, Marc Pfirter. Zeit für den Heimatkanton nahmen sich jedenfalls auch prominente Aargauerinnen und Aargauer, beispielsweise die in Tracht gekleidete FDP-Nationalrätin Christine Egerszegi oder die Fernsehmoderatorin Susanne Wille. Selbst der Expo-kritische SVP-Nationalrat Ulrich Giezendanner liess sich unter den zahlreichen Zuschauern auf der Arteplage blicken.
 
 
Offenheit bewiesen die Aargauer damit, dass sie die Leitung ihres Tages auch Nicht-Aargauern anvertrauten; Projektleiterin Katja Gentinetta spricht Walliserdialekt, und die achtstündige «Choreographie das Alltags» stand unter der Regie eines Baslers, Tom Ryser. Fest stand: Für einmal sollten sie sich auf Ungewohntes einlassen, die alles in allem über 600 Aargauer Mitwirkenden, darunter Männer der Strassenunterhaltsdienste, Baumaschinenführer, Safenwiler Schulmädchen, Polizeiaspiranten, Sekundarschüler aus Birr und Zufikon, die Meitli-Sonntags- Vereinigung sowie eine Behindertengruppe. Monatelang hatten sie fleissig geprobt: verschiedene Figuren nachzuahmen, Kommandos zu verstehen. Auch die Baumaschinenführer mussten ihren Maschinen Eleganz und Grazie beibringen.
 
Basisarbeit auf dem Pedalo
 
Schrill orange Westen trugen auch einige Aargauer Politiker und Politikerinnen, mehrheitlich aus dem Grossen Rat. Ihnen bot der Tag die Gelegenheit, den Kontakt mit der Basis zu pflegen. Jeder Expo-Besucher konnte sich allein oder zu dritt von einem oder einer der 39 Aargauer Politiker und Politikerinnen zwanzig Minuten lang über den See fahren lassen. Dieses Angebot erfreute sich grosser Beliebtheit, die Plätze auf den sogenannten VIP-Pedalos waren schnell vergeben. Verständlich, denn wo lässt es sich besser auf seine politischen Anliegen aufmerksam machen als auf einem kleinen Pedalo, wo es für den Volksvertreter kein Entrinnen mehr gibt?
 
 
Meist Aargauer, aber auch Berner und wenige Zürcher liessen sich von ihrem politischen Auserwählten auf den Neuenburgersee «ausfahren». Wenn auch keine Wahlprognose, so doch eine Beliebtheitsskala liesse sich daraus erstellen: Vor allem SP-Politiker wie Grossrat Markus Leimbacher, aber auch Heidi Berner (evp.) und Nicole Meier (cvp.) seien schnell «ausgebucht» gewesen. Spitzenreiterin aber war - wer möge es ihr auch verdenken - die erst frisch vereidigte und zurzeit jüngste Nationalrätin, Pascale Bruderer.
 

Fotogalerie
 Kantonstag Aargau


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