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C. Bi. Yverdon, 14. September
«Zwei Genfer, drei Meinungen» . . . Die Genfer haben es zustande gebracht, dass im Vorfeldihres Expo-Kantonaltages fast nur über ihre internen Streitigkeiten berichtet wurde (was im Hinblick auf eine bevorstehende Genfer Bundesratskandidatur eigentlich kein gutes Omen ist). Tatsächlich geht es in der République de Genève bisweilen zu wie im Gallierdorf in «Asterix und Obelix». Weil die Kantonsexekutive nach langem Hin und Her beschloss, bei der Expo mitzumachen, wollte die Stadtregierung zu Hause bleiben (oder vielleicht war es umgekehrt); schliesslich ist ja die Kantonsexekutive mehrheitlich bürgerlich, die Stadtexekutive mehrheitlich links. Aber weil die Kantonsregierung zurzeit von der Sozialdemokratin Micheline Calmy-Rey präsidiert wird und der Genfer Kantonaltag ja resolutmultikulturell sein sollte - was der Linken eigentlich sympathisch sein müsste -, entschloss sich SP-Stadtrat Manuel Tornare im letzten Moment doch, zumindest als zahlender Privatmann dabei zu sein. Doch Stadtpräsident André Hediger von der Partei der Arbeit, der als Verwaltungsrat des Genfer Casinos zurzeit unter Dauerbeschuss steht und mit «Expo-Bashing» seiner Popularitätskurve auf die Sprünge helfen wollte (zumal bald Stadtratswahlen anstehen), sagte bis zuletzt «non».
Um die Verwirrung komplett zu machen, ging das Stadtparlament am Freitag plötzlich auf Distanz zur Exekutive. Mit dem kuriosen Resultat, dass ein resolut linker Stadtrat gegen den Willen seiner gemässigteren Legislative einem mehrheitlich von Linken gestalteten und von einer bürgerlichen Kantonsregierung unterstützten Happening fernblieb. Der liberale Stadtrat Pierre Muller will aber letzten Meldungen gemäss die Expo demnächst mit der Familie besuchen, während sein grüner Kollege Alain Vaissade erklärt, er sei schon an der Expo gewesen und gedenke zurückzukehren. Derweil Stadtrat Christian Ferrazino von der Alliance de gauche, einer zwischen der Partei der Arbeit und der SP politisierenden Linksgruppierung, immer noch nicht weiss, ob er gehen soll oder nicht. Oh, Genève . . .
Hip-Hop ganz tipptopp
Nach diesem von der Aktualität diktierten Ingress nun aber die wichtige und gute Nachricht: Der Expo-Kantonaltag fand statt, und die Genfer gingen hin. Er begann am Samstagnachmittag mit der Ankunft eines Sonderzugs, in dem die Genfer Kantonsregierung - in corpore! -, viele Grossräte, die Vertreter der Judikative und, was besonders bemerkenswert ist, zahlreiche an ihren rot-goldenen Schärpen erkennbare Gemeindepräsidenten Platz genommen hatten. Auch Bundesrätin Ruth Dreifuss war mit von der Partie, offensichtlich glücklich, sich im multikulturellen Genfer Biotop vom Alltag der Bundespolitik zu erholen.
Auf der Arteplage Yverdon herrschte am Nachmittag eine Stimmung wie am Festival de la Bâtie,dem Genfer Alternativfest. Das Organisationskomitee hatte den Tag unter das Motto «ge.02 - de quoi ge me mêle?» gestellt, ein Wortspiel, das sehr frei mit «ich mische mich ein» übersetzt werden könnte. Es wollte den verschiedenen Subkulturen, die das moderne Genf ausmachen, die Gelegenheit geben, sich dem Publikum vorzustellen.Afrikanische Musiker, arabische Bauchtänzerinnen, Gays, ehemalige Häftlinge und alleinerziehende Väter und Mütter - alles in allem 32 «communautés» repräsentierten das Genf des beginnenden 21. Jahrhunderts. Sogar der Hip-hop wurde repräsentativ. Bei so vielen Minderheiten konnte man sich fragen, wo die traditionellen Vertreter Genfs geblieben waren.
Hölzernes von Dubois
Nun, sie waren nicht weit weg. Während auf der Arteplage das Hippie- und Hip-hop-Genf den Ton angab, versammelte sich die Offizialität in einem nahen Schulzentrum zu einem streng nach protokollarischen Regeln verlaufenden Zeremoniell, bei dem allein die Grussadresse des Chef du protocole mehrere Minuten in Anspruch nahm. Im Namen der Expo-Veranstalter kam der frühere Neuenburger Staatsrat Pierre Dubois zu Wort. Seine hölzerne Rede bestand vor allem in Klagen darüber, dass auf den Arteplages und im Expo-Management mehr «Schwyzertütsch» als Französisch gesprochen werde. Im Namen der Genfer Regierung hielt Micheline Calmy-Rey ein Plädoyer für Kultur und Geist.
Die ganze Zeremonie zeugte von stolzem Genfer Staatsbewusstsein. Übrigens sickerte im Vorfeld des Expo-Tags durch, die Genfer Kantonsregierung habe es abgelehnt, sich von Expo-Generaldirektorin Nelly Wenger begrüssen zu lassen. In welschen Medien war zu lesen, kritischeÄusserungen der Generaldirektorin an die Adresse der Genfer hätten den Widerstand der Kantonsregierung geweckt. In Yverdon wurde dies von Genfer Kantonsvertretern gegenüber der NZZ strikte dementiert. Die Genfer Regierung als politische Behörde hätte allein aus protokollarischen Gründen darauf bestanden, von einer politischen Behörde, also einem Vertreter der Expo- Trägerschaft, empfangen zu werden. Dies habe nichts mit den Positionen von Madame Wenger zu tun.
Ende gut, (fast) alles gut
Das offizielle und das alternative Genf fanden dann Ende des Abends in einem grossen Schluss- Event zusammen. Links und rechts, bei den Organisatoren, der Expo-Leitung wie auch den Beteiligten wurde der Tag als Erfolg bezeichnet. Von einer Versöhnung zwischen Genf und der Expo war die Rede - die Expo-Medienstelle will übrigens seit mehreren Wochen eine steigende Zahlvon Genfer Besuchern gezählt haben. Spät kommen sie, aber sie kommen - mindestens zum Teil!
Jedenfalls ist es den Genfern hoch anzurechnen, dass sie sich nach langem Zögern mit Kompetenz und, soweit dies beurteilt werden kann, teilweise sogar mit Ansätzen von Enthusiasmus in das Expo-Abenteuer gestürzt haben. Und mit ihrem Kantonaltag versuchten sie, den ausländischen Teil der Schweizer Bevölkerung, den man bisher an der Expo - wahrscheinlich schon aus finanziellen Gründen - zu wenig gesehen hat, auf die Arteplage zu locken. Doch werden wohl erst die nächsten Wochen endgültig zeigen, ob die «splendid isolation», in der sich die Genfer lange Zeit gefallen haben, der Vergangenheit angehört.
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