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fs. Neuenburg, 23. Juni
Es ist nicht leicht gewesen, die Jurassier aus ihren Reserven, ja sogar ihrer Abneigung gegenüber der Expo 02 zu locken. In den Köpfen derälteren Generation lebt noch immer die Erinnerung an die Landesausstellung von 1964, wo den Jurassiern die Durchführung eines eigenen Tages untersagt worden war. Die Autonomisten samt den Bélier-Jungtürken versuchten denn auch, in dieser alten Wunde zu wühlen, und machten unablässig Stimmung. Zuletzt damit, dass sie die«wahren» Jurassier zur Teilnahme an einer separaten Veranstaltung am 23. Juni in Saignelégier aufriefen. Doch sie liefen letztlich fast ins Leere. Während sich in den Freibergen laut Agenturangaben nur rund 250 Personen versammelten, stürmte am selben Sonntag eine Horde von 1600 Personen, begleitet von weiteren zwei- bis dreitausend Jurassiern, nach Neuenburg und eroberte die Expo-Arteplage.
Er sollte etwas Besonderes werden, der jurassische Kantonaltag. Das heisst insbesondere auch,dass die Jurassier zeigen wollten, etwas Besonderes zu sein: frech, aufmüpfig, unbekümmert, humorvoll, kreativ, poetisch, verträumt, offen, tolerant. Dass einige dieser Eigenschaften mitunter auch mehr Ideal als Wirklichkeit sind, was soll's. Das Streben ist entscheidend, auch im Jura.
«Nom de Code H. B.»
«Nom de Code H. B.» hiess geheimnisvoll das Konzept, das zwei Regisseure des Théâtre de l'Unité in Audincourt im benachbarten Frankreich entwickelt und realisiert hatten. H. B. stand für Horde Blanche, weisse Horde. Ein durchaus gewollt doppeldeutiger, augenzwinkender Begriff, wie Stéphane Berdat, Projektleiter, sagt: Horde stehe für kämpferisch, kriegerisch, weiss sei die Farbe des Friedens.
Und es wurde auch etwas Besonderes. Schon am Bahnhof, als sich die insgesamt 13 Horden mit total rund 1600 «Eindringlingen» um elf Uhr am Bahnhof in Neuenburg zum Defilee durch die Stadt hinunter zur Arteplage besammelten, herrschte ein kunterbuntes Durcheinander. Allerdings: Die Akteure waren allesamt weiss gekleidet und ebenso geschminkt. Doch die Einheit täuschte auch, denn es waren 33 verschiedene Kostüme geschneidert worden, und auch die Make-ups waren nicht alle gleich. Es sollte gleichzeitig Einheit wie Vielfalt des Juras und seiner Bevölkerung gezeigt werden.
Historische Worte
Angeführt wurde der Eroberungszug durch die Stadt durch 70 Freiberger Pferde und Halbblüter. Womit auch dem traditionellen Bild des Kantons Rechnung getragen wurde: das Pferd als Inbegriff für den Jura. Drunten auf der Piazza der Arteplage ein Überraschungscoup: Aus dem Bauch eines hölzernen trojanischen Pferdes entstieg die jurassische Regierung fast in corpore (Minister Pierre Kohler fehlte krankheitsbedingt). In einer kurzen offiziellen Zeremonie markierte Regierungspräsidentin Anita Rion die historische Dimension dieses Tages: Erstmals feierten die Jurassierinnen und Jurassier den 23. Juni, den Tag, an dem im Jahre 1974 im ersten Juraplebiszit eine knappe Mehrheit der Jurassier für einen eigenen Kanton votiert hätten, ausserhalb der Kantonsgrenze, sagte sie. Damit drückten sie auch die Notwendigkeit einer Öffnung aus. Dieser Tag sei einer des Wiedersehens mit den Freunden in und ausserhalb der Schweiz. 1974 habe sich dem Jura die Unabhängigkeit eröffnet. 28 Jahre später werde der Jura von morgen gefeiert, ein Jura, der ein offenes Fenster zur Schweizund zu Europa sei. Und dann schloss die Regierungspräsidentin ihr kurzes Votum mit einemSatz, dem nach all den jurapolitischen Wirren geradezu historische Bedeutung zukommt: «Mesdames et Messieurs, le Jura vous aime. Que la fête soit belle!» - eine bis anhin noch nie gehörte Freundschafts-, ja Liebeserklärung aus dem Jura an die übrigen Eidgenossen, die von den vorwiegend jurassischen Zuhörern mit grossem Applaus quittiert wurde. - Und das Fest wurde denn auch «schön». Bis nach 21 Uhr trugen die 13 Horden sowie professionelle Künstlergruppen aus der benachbarten Franche Comté Schlag auf Schlag das Ihre bei, damit der Jura-Tag zu einem Fest der Fröhlichkeit, des Humors und die Arteplage mitunter auch zu einem imaginären, poesievollen Land wurden. Es gab Konventionelles wie eine Pferdevorführung à la Marchée Concours von Saignelégier oder das Konzert einer «Super Fanfare» mit 200 Blasmusikern. Eine Horde im Jura ansässiger Italiener zeigte ihre Verbundenheit mit dem Kanton ebenso wie eine solche mit Galiziern im Jura, die mit ihren Dudelsackklängen und Tänzen das Publikum begeisterte. Viel Beifall gab es auch für das «freche Eindringen» junger europäischer Künstler aus diversen europäischen Ländern, eine Horde, die das Bureau International de la Jeunesse in Brüssel delegiert hat. Alles in allem: Die Arteplage in Neuenburg hat eine friedliche Invasion erlebt mit sympathischen Menschen, die mit viel Fleiss und grosser Kreativität ein ansprechendes bis begeisterndes Programm boten und den Kanton Jura in vorteilhaftem Licht erscheinen liessen. Allerdings floss auch der Schweiss in Strömen, und in der Glutofenhitze auf der Piazza am See löste sich die weisse Schminke in den Gesichtern zusehends auf.
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