|
kfr. Biel, 15. Juni
Um 10 Uhr am Samstag legte im Expo-Hafen ein Schiff mit den Spitzen von Legislative, Exekutive und Organisationskomitee sowie den Fahnen des Kantons und der zehn Bezirke an. Auf dem Fluss- und Seeweg erreichte das Projekt «Rock Barock. Der Klang des Steins in solothurnischen Landschaften» - ein tönendes Bild des Zeitgeistes - die Arteplage in Biel. Der Ankunft folgte die Enthüllung von «Rock Balance», einer Skulptur des Künstlers Gunther Frentzel. Das Werk wurde erst am Tag der Einweihung durch das Mitwirken der Bevölkerung vollendet - eine Bereitschaft zum Risiko, die Frentzel als positives Signal wertete. Jeder Teilnehmer am Kantonaltag war aufgefordert worden, von zu Hause ein Stück Solothurner Stein mitzubringen. Der Würfel am Endeeines elf Meter langen Bandes aus Stahl, das aufwärts strebend in die Zukunft weist, ist nun mit Steinen von Einwohnern gefüllt und verkörpert so die Vielfalt. Die Skulptur bleibt nach der Landesausstellung dem Kanton Solothurn erhalten.
Ein neues Licht auf den Kanton
Seit Carl Robert Enzmann seiner Vaterstadt zu Beginn des letzten Jahrhunderts das Solothurner Lied mit dem Refrain «Es isch immer e so gsi» gewidmet hat, gilt der Text nicht nur als Ausdruck für das kleinstädtische Leben mit starken Traditionen, es wird oftmals auch mit Unbeweglichkeitgleichgesetzt. Mit dieser Sicht hat nun der Kantonaltag gründlich aufgeräumt. Der neue «Song» mit dem Titel «Veränderig isch normal» oder «Es isch nid immer so gsi», von der Bernerin Paola Jean geschrieben und von ihr - unterstützt durch die Alphornbläserin Eliane Burki und einen Chor von hundert Jugendlichen aus dem ganzen Kanton - live vorgetragen, setzt einen Kontrapunkt zudem, was in der Überlieferung als «typisch solothurnisch» gilt. Er bildete das stark applaudierte Finale zur Inszenierung «Rock Barock», die am Solothurner Tag ihre Uraufführung erlebte.
Das Videoprojekt «Rock Barock» vermittelte im Theater Mummenschanz auf drei grossen Leinwänden rund 4000 Personen neue Einsichten und Ansichten über den Kanton. Es entstand in enger Zusammenarbeit mit dem Lichtkünstler Ulrich Studer, der mit Installationen in Steinbrüchen in allen Teilen des Kantons eine neue Sicht auf das freigibt, was man zu kennen glaubt, und gleichzeitig den Gedanken visualisiert, dass nicht immer alles so war, sondern laufend in Bewegung ist. Die Veränderungen wurden von Kameramann Pio Corradi an rund 25 Drehorten im Bild festgehalten. Die Geschichte in den Phasen «Werden - Sein - Vergehen» beginnt im Sommer und endet im Frühling, der Zeit des Aufbruchs.
Radioredaktor Henrik Rhyn ergänzte sie zu einem Hörbild von heute, zum Klang des Steins in solothurnischen Landschaften; er sammelte im Originalton bekannte und andere Stimmen, kritische Aussagen ebenso wie Hoffnungen von Menschen, die auf dem Boden aus Solothurner Stein leben.
Visitenkarte der besonderen Art
Durch das Motto des Solothurner Ausfluges an die Expo in Biel habe er sich zur Begrüssung geradezu verpflichtet gefühlt, bemerkte Nationalrat Franz Steinegger, Präsident des Comité directeur. Nicht einmal die Zentralschweizer hätten sich bei ihrem Kantonaltag auf seinen Namen bezogen, und dass man an der Aare den englischen Ausdruck «Rock» gewählt habe, verzeihe er grosszügig. Das gelte ebenso für den im Dezember1994, am Ende des Jahres mit der Kantonalbankaffäre und ihren (finanziellen) Folgen, beschlossenen Rückzug der Solothurner aus der Mitverantwortung für die Landesausstellung in der Drei- Seen-Region. Ihr Kantonaltag werte nun aber die Expo als eidgenössisches Fest und als kulturelle Manifestation auf, er sei ein wichtiger Beitrag an das identitätsstiftende Ereignis.
Landammann Rolf Ritschard führte in seiner mit «Referat» überschriebenen Grussbotschaft aus, Solothurn übergebe seine neueste Visitenkarte, wage eine neue, bisher unbekannte Sicht auf den Kanton, als «Einheit in der Vielfalt, nicht Vielheit in der Einfalt». Ritschard dankte allen Mitwirkenden an der Gestaltung der Visitenkarte, vorab dem kantonalen Expo-Delegierten Walter Weber. Für den gastgebenden Kanton sprach Grossratspräsident Dieter Widmer, und je rund hundert Jodler und Blasmusikanten gaben dem Festakt den musikalischen Rahmen. - Den weiteren Teil des Tages bestritten auf dem Festgelände oder auf der Hauptbühne unter dem Titel «Jugend bewegt SO!» Jugendliche aus allen Kantonsteilen. Sie zeigten die eigene Suche nach dem Glück, wie das Oltner Projekt der Compagnie Tanz Art, die das Abendprogramm mit «A la recherche du bonheur» beschloss.
* * *
Der Kanton Solothurn hat sich aufgemacht, an der Expo 02 den Stein zum Klingen zu bringen. Wenn der Weg dazu das Ziel war, wie es der kantonale Volkswirtschaftsdirektor Thomas Wallner in einer ersten positiven Würdigung formulierte, und es galt, das anspruchsvolle Projekt zu einem guten Ende zu führen, sind die Vorgaben erfüllt worden. Solothurn hat in Biel eine gute Visitenkarte abgegeben - aber es hat wohl in erster Linie nach innen gewirkt und gezeigt, dass es auch in der heutigen Zeit noch möglich ist, einen Auftritt als Gemeinschaft gut über die Runden zu bringen. Wer sich aber daran erinnert, wie bei der «klingenden Kette», dem Umzug am Solothurnertag der Expo 1964 in Lausanne, die Begeisterung von den Teilnehmern zu den Zuschauern übersprang, wird Biel mit etwas anderen Gefühlen verlassen haben. Dazu kommt, dass über die weitere Verwendung der Projektion «Rock Barock», deren Einrichtung Kosten von 40 000 Franken pro Tag verursacht, noch keine Klarheit besteht. Es dürfte auch im Sinne des Kantons sein, die Mischung von Tradition und Moderne einem weiteren Publikum zugänglich zu machen.
|