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Eher introvertierter Waadtländer Expo-Tag
NZZ   29. Juni 2002
 
 
Der Funke will - immer noch - nicht springen
 
Am Samstag ging auf der Expo-Arteplage Yverdon der Waadtländer Kantonaltag über die Bühne. Mit viel Musik und etwas Folklore wurde versucht, die Einheimischen an das Westende des Neuenburgersees zu locken. Trotz einigen guten Momenten blieb die Atmosphäre eher kühl. Eine Begegnung mit der «restlichen» Schweiz kam nicht zustande: Die Waadtländer waren bei diesem Heimspiel mit sich selbst beschäftigt.
 
 
C. Bi. Yverdon, 29. Juni
 
 
Die «journée vaudoise» (JV) stand unter dem Motto «J'y vé», ein Wortspiel, das mit «Ich gehe hin» übersetzt werden kann. Dass die Organisatoren gerade diese Devise gewählt haben, spricht Bände; es lässt sich daraus schliessen, dass es für viele Waadtländer keineswegs selbstverständlich ist, zur Expo zu gehen. Tatsächlich war die Stimmung in der Waadt in Sachen Landesausstellungbisher nicht das, was man von einem mitbeteiligten Kanton erwartet. Man fragte sich deshalb gespannt, ob es dem Waadtländer Kantonaltag gelingen würde, das Waadtländer Packeis zu brechen. Eine eindeutige Antwort zu geben, fällt schwer.
 
Früh aufgestanden
 
Eines kann man den Organisatoren des Waadtländer Tags sicher nicht vorwerfen, nämlich zu spät aufgestanden zu sein. Am Samstagmorgen um Punkt 4.02 Uhr wurde mit einem Alphornkonzert der Auftakt zum Feiertag gegeben. Und erst um 4.02 Uhr am Sonntagmorgen mussten oder durften die letzten DJ und Salsamusiker nach Hause gehen. Dazwischen lagen vierundzwanzig Stunden, die dem Prinzip «liberté et culture» galten und während deren die Veranstaltervor allem die Breite des Waadtländer Musiklebens aufklingen lassen wollten.
 
 
Tatsächlich war es ein reiches Menu, das den Besuchern hier aufgetischt wurde. Nicht nur auf der Arteplage am See, sondern auch im Städtchen Yverdon war am Samstag rund um die Uhr etwas «los», und man hätte sich schon grosse Mühe geben müssen, um Langeweile zu verspüren. Zu den Höhepunkten des Tages gehörte am Nachmittag ein vom Musiker Jean-François Bovard inszeniertes Konzert, an dem sich Blasmusiken -hierzulande lautmalerisch als «fanfares» bezeichnet - aus der ganzen Waadt mit insgesamt 1200 Personen beteiligten. Ab 20.02 Uhr war der aus Sainte-Croix stammende Chansonnier Michel Bühler zu hören. Und am späten Abend kam das Béjart Ballet Lausanne zum Zug. Ballet-Altmeister Maurice Béjart hatte hierfür eigens ein Stück geschrieben, das sich als Reise durch die Kulturen dieser Welt verstand.
 
Institutionelles und Nachhaltiges
 
Neben den Kulturschaffenden kamen auch Politik und Folklore zum Zug, obwohl recht verschämt: als ob die Organisatoren unbedingt vermeiden wollten, dass ihr Anlass zu einer typischen «vaudoiserie», zu einem «waadtlandisierenden» folkloristischen Anlass geriete. Immerhin waren die Vertreter der politischen Institutionen um 12.32 Uhr zu einem Apéritif geladen, bei dem der Weisswein in grösseren Mengen abgegeben wurde und wo die Expo-Direktionspräsidentin, Nelly Wenger, eine kurze Rede hielt, deren Inhalt freilich vielen Anwesenden, da sie sich angeregt unterhielten und dem Konsum besagten Weissweins oblagen, entgangen sein dürfte. Dabei durften auch die Brigands du Jorat nicht fehlen, die Nachkommen jener furchterregenden Räuber, welche einst das Hügelland oberhalb von Lausanne unsicher machten und ihre Keulen noch nicht als folkloristisches Accessoire verstanden.
 
 
Als typische Vertreter der Waadtländer Institutionen traten am Nachmittag die Milices vaudoises in Uniform mit Tornister und Bajonetten, zuzüglich Pferden, Fuhrwerken und Kanonen, zu einem Umzug durch Yverdon an. Er wurde von einigen Damen und Herren abgeschlossen, die, mit Schaufel und Besen bewehrt, die unausweichlichen Rossbollen gleich wieder entsorgten, auf dass keine wohlriechende Nachhaltigkeit die Strassen von Yverdon verunreinige und post festum wieder der «courant normal» alltäglicher Sauberkeit herrsche. Immerhin war dieser Umzug einer der Momente, in denen Ansätze zu wirklicher Festfreude aufkamen.
 
Die Mühe mit der Freude
 
Damit ist das Fazit eigentlich schon angesprochen: Die Organisatoren des Waadtländer Kantonaltags gaben sich zweifellos grosse Mühe, das Waadtländer Volk zu erwärmen, aber sie hatten, so schien es, auch reichlich Mühe dabei. Obwohl das Programm «anmächelig» war und eine Balance zwischen folkloristischen und modernistischen Elementen versuchte, so wäre es unredlich zu behaupten, am Samstag sei es in Yverdon sehr festlich zu- und hergegangen. Wirkliche Stimmung kam, soweit dies der Korrespondent beurteilen kann, im Verlauf dieses 24-Stunden-Vergnügungsmarathons nur vereinzelt auf. Wer sich an die Stimmung an der Fête des vignerons in Vevey erinnert oder auch nur einmal einen offiziellen Tag des Comptoirs in Lausanne miterlebt hat; wer also weiss, wie es aussieht, wenn die Waadtländer wirklich zum Festen entschlossen sind, dem fällt es schwer, den Expo-Kantonaltag als einen Riesenerfolg zu bezeichnen.
 
 
Das Problem des Waadtländer Kantonaltags lag vielleicht darin, dass er zu wenig traditionalistisch war, um das an der Vergangenheit festhaltende Publikum zu fesseln, aber auch zu wenig modernistisch, um Kontroversen auszulösen und die Medien zu interessieren. Die «journée vaudoise» hatte nicht das Wagemutige des AargauerTags; sie führte auch nicht zur Begegnung verschiedener Landesteile, wie dies beispielsweise am Tag der Zentralschweiz in Yverdon der Fall war. Die Waadtländer hatten auch nicht den Mut, wie die Neuenburger und die Appenzeller, ihren Kantonaltag zu einem Sprachgrenzen-überschreitenden Anlass zu machen. An ihrem Tag blieben die Waadtländer schön unter sich.
 
 
Hat dieser Fest-Samstag zumindest den Waadtländern die Expo nähergebracht? Die Zukunft wird es weisen. Auf den ersten Blick scheint dies alles andere als sicher. Lag es an der leichten Bise, die trotz warmer Sonne eine gewisse Kühle verbreitete? Lag es daran, dass viele Yverdonnois «ihrer» Expo bis heute skeptisch bis ablehnend gegenüberstanden, so sehr, dass sie ihren Stadtpräsidenten, der ihnen zur Expo verholfen hatte,bei den letzten Wahlen auf den letzten Listenplatz verwiesen und in die Wüste schickten? Jedenfalls vermittelte der Waadtländer Expo-Tag nicht das Bild eines sehr festlich gestimmten, eher jenes eines abwartend-zweifelnden Kantons.
 

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