Expo-Archive Home Deutsch Français Italiano
Expo.02 Expo 64 Landi 39 1914 1896 1883

Wie es euch gefällt
NZZ   28. September 2002
 
 
Ein herzlich-musisches Tessin an der Expo in Biel
 
Das Tessin hat an seinem Kantonstag an der Expo in Biel mit einem sympathischen, vor allem musikalischen Programm aufgewartet, das sowohl in seinem anspruchsvolleren Teil (zwei uraufgeführten Kompositionen) als auch mit einer vielfältigen Unterhaltungspalette gefallen konnte. Mit einer der Stadt Biel geschenkten Skulptur des Tessiners Pierino Selmoni setzte der Kanton auch ein bleibendes Zeichen.
 
 
rfr. Biel, 28. September
 
 
Das Tessin hat aus dem Kantonstag auf der Expo-Arteplage beinahe eine Kantonswoche gemacht. Der Hauptveranstaltung am Samstag sind am Dienstag und Mittwoch Filmvorführungen und Diskussionen vorangegangen, mit denen sich das Filmfestival Locarno vorstellte. Am Freitag fand vor einem Konzert des Orchesters der italienischen Schweiz und einem Bankett der Pro Ticino die Übergabe einer Plastik statt, die der Kanton Tessin der Stadt Biel geschenkt hat. Dieses Geschenk gab dem Tessin Gelegenheit zu einer Begegnung ausserhalb des Expogeländes, Kontakt mit der zweisprachigen Gastgeberstadt zu knüpfen und ein dauerhaftes Zeichen zu setzen. Die Tessiner und Bieler Behörden haben sich gemeinsam für ein Werk des Tessiner Künstlers Pierino Selmoni entschieden. Dieser hat in einen schlanken Quader aus den Peccia-Marmorbrüchen (Valle Lavizzara) drei mehr nur angedeutete senkrechte Rinnen geschlagen, damit der weisse, von dunklen Adern durchzogene Stein im Sonnenschein zu leben und zu klingen beginnt. Die Stele, «Harfe» genannt, macht die Schnittstelle dreier Strassen unweit des Bahnhofs erst wirklich zu einem Platz, der nun auf den Namen des Spenderkantons getauft werden soll.
 
Uraufführungen und eine schöne Rede
 
Am Samstagvormittag hellte sich der Himmel zusehends auf. Als nach dem offiziellen Teil die Festgesellschaft zusammen mit Besuchern, die auf ihren Rundgängen hungrig geworden waren, zum Risotto schreiten konnte, erwärmte eine milde Herbstsonne die Arteplage und sorgte dann für den Rest des Tages für eine wohlige Stimmung.
 
 
Protagonist der Eröffnungszeremonie war das Orchester der italienischen Schweiz, eine der wichtigsten kulturellen Institutionen des Tessins, auf die der Kanton mit Recht stolz ist. Das Orchester (Leitung: Luca Pfaff) führte zwei an die im Tessin ansässigen Musiker Chun He Gao (aus Peking) und Paul Glass (aus Los Angeles) in Auftrag gegebene Kompositionen auf (eine sehr lyrische Kantate und eine die schweizerische Vielfalt aufnehmende Mischung von klassischer Musik und Volksmusik). Zwischen die beiden modernen Werke schob sich eine vom Bläserquintett mit Bravour und Finesse vorgetragene Bearbeitung von Rossinis «Tell»-Ouverture - insgesamt ein sehr schönes, jedoch nicht ganz einfaches, für den Vortrag in einem ins Freie offenen Raum vielleicht etwas gewagtes, vom Publikum aber sehr positiv aufgenommenes Programm.
 
 
In die musikalische Folge eingebaut war eine kurze Reihe kurzer Reden. Der Bieler Stadtpräsident Hans Stöckli und der Präsident des Expo- Steuerungskomitees Franz Steinegger verlasen launige Grussadressen, die beide daran erinnern wollten, dass die mangelnde Kapazität der Gotthardachse und nicht die Hintanstellung der italienischen Schweiz den Standort der Expo bestimmt habe. Die Tessiner Staatsratspräsidentin Patrizia Pesenti folgte mit einer ganz dem Thema «Piazza» und dem musischen Ton der morgendlichen Veranstaltung sich fügenden Rede. Sie führte das Publikum nach der Feststellung, dass manche eilige Zeitgenossen ihren Kanton zwischen Gotthard und Chiasso leider nur als Korridor wahrnähmen, in feinen und schönen Sätzen zuerst über die Plätze der Tessiner Städte und dann langsam in die engeren Täler, das Maggiatal hinauf in die Welt Plinio Martinis und weiter der Reihe der Weiler mit den poetischen Namen Fontanellata, Roseto, Faedo entlang nach Sonlerta, wo man auf der kleinen Piazza unter steilen Felswänden und eingerahmt von alten Häusern «noch die Atmosphäre einer uralten Menschlichkeit» atme.
 
 
Am Nachmittag, nach dem Risotto, wurde es dann auf der Piazza lebhafter und lauter. Vor einem wechselnden Publikum produzierten sich die Bläser des Orchesters der italienischen Schweiz zusammen mit Jazzsolisten, weiter Pietro Bianchi mit seiner Gruppe, dann die Civica Jazz Band mit Franco Ambrosetti und schliesslich Marco Zappa und seine Musiker. Zwischen den musikalischen Darbietungen lasen elf Schriftsteller der italienischen Schweiz Texte zu den Themen «Piazza» und «Begegnungen». Damit an diesem Tag das ganze Ausstellungsgelände zu einer grossen Piazza wurde, schwärmten «Bandelle» und «Corali» aus (da und dort Warteschlangen die Zeit verkürzend), während auf der «Scène du Rivage» Rock-Gruppen eher ein jüngeres Publikum um sich versammelten.
 
Unbeschwert und anspruchsvoll
 
Wenn das Konzept des Kantonstages nicht auf ausgelassene, aber auf unbeschwerte Stimmung setzte, so ist die Übung auch dank dem angenehmen Wetter durchaus gelungen. Die Tessiner hatten in Biel einen sympathischen Auftritt. Die Organisatoren mit dem Delegierten Theo Mäusli und dem früheren RTSI-Direktor Marco Blaser an der Spitze haben ein ansprechendes Programm zusammengestellt. Nachdem die Durchführung der Veranstaltung mit der Verabschiedung eines 2,5 Millionen Franken hohen Kredites einmal beschlossen worden war, zeigten sie keine Mühe, die Regeln des Rituals, das nicht grosse Botschaften oder gar Provokationen, sondern in erste Linie Festlichkeit verlangt, ohne viel Wenn und Aber zu respektieren. Dazu gelang es ihnen, das Tessin als einen kulturell lebendigen Kanton darzustellen.
 
 
Man muss allerdings das Programm nicht schon, weil Zoccoli nur eine Nebenrolle spielten, als besonders revolutionär interpretieren. Es hielt sich in einer guten alten Tessiner Tradition. Der kleine, junge Kanton, dem der Tourismus zudem manche Rücksichten auferlegt, bemüht sich - auch seinem Naturell folgend - seit je, einen guten Eindruck zu machen, Erwartungen entgegenzukommen, gehörig ernsthaft und patriotisch zu erscheinen und das Licht nicht allzu sehr unter den Scheffel zu stellen. Das Tessin ist der Schweiz ja gerade darin sehr verwandt, dass es sich verpflichtet fühlt, den Musterschüler zu spielen, was meist auch eine rührende Seite hat.
 
Von der Distanz und von den Kritikern
 
Es ist in der letzten Zeit etwas viel von einem gebrochenen Verhältnis des Tessins zur Expo die Rede gewesen. Daran war etwas Wahres, aber die Darstellung wurde doch schief, wenn sie so weit ging, dass manche glaubten, man habe sich am Kantonaltag wie zwei zerstrittene Brüder versöhnen müssen. Gewiss hinterliess es einige Rankünen, dass der Bundesrat seinerzeit das Tessiner Expo-Projekt ziemlich kaltschnäuzig überging.
 
 
Aber im Grunde war die Expo 02 im Tessin - vielleicht mit Ausnahme der Polemik um die Übersetzung des Erinnerungsbuches - kaum je ein prioritäres Thema. Das Tessin konnte schlicht einer Landesausstellung wenig abgewinnen, weil sie von Geschichte und Geographie, die für das Selbstverständnis dieses Kantons elementar sind, nichts wissen wollte. Und wenn der Gotthard den Expo-Besuch aufwendig macht (Bahnfahrt Lugano-Biel viereinhalb Stunden), so sicherte er den Tessinern dafür auch die Distanz, sich frei zu fühlen und sich allenfalls der in diesem Sommer immer eindringlicher verordneten patriotischen Pflicht zum Expo-Enthusiasmus zu entziehen.
 
 
Die kritische Einstellung gegenüber dieser Landesausstellung hat sich natürlich nicht dem Kantonaltag zuliebe plötzlich in Luft aufgelöst. In Biel waren eher freundliche Musiker und Poeten (Letztere allerdings oft mit in ihrer ironischen Wortakrobatik nicht so ohne weiteres entzifferbaren Texten) präsent, während ein weiterer Kreis von kritischeren Intellektuellen durch Abwesenheit glänzte. Einige schossen dafür gerade in der letzten Woche wieder spitze Pfeile ab, und nicht nur Mario Botta, sondern zum Beispiel auch Andrea Ghiringhelli, der Direktor des Staatsarchivs. Er erinnerte, sich auf Diderot beziehend, daran, dass Hülsen und Allegorik, wie sie seines Erachtens an der Expo üppig wuchern, seit je auch dazu dienen, Sterilität der Gedanken zu kaschieren.
 

Fotogalerie
 Kantonstag Tessin

Links
 Kanton Tessin
 Tessin.02 - Ansprache der Tessiner Regierungsratspräsidentin Patrizia Pesenti
 NZZ - Wie es euch gefällt
 Kantonstag Tessin

Weitere Themen
NZZ   1. Dezember 2001
 
swissinfo   29. Dezember 2003
 
 

SRG SSR idée suisse swissinfo