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bre. Neuenburg, 5. Oktober
Der süsse Most floss in Strömen an diesem prächtigen, samstäglichen Herbsttag auf der Expo-Arteplage in Neuenburg. Der sich präsentierende Kanton Thurgau hat es verstanden, auf sympathische Art und Weise sowohl den Gaumen als auch das Auge zu erfreuen. Die Botschaft lautete: Der Thurgau ist kein kulturelles Entwicklungsland. Dass diese bei den Besuchern überhaupt Widerhall fand, war angesichts der Ausgangslage allerdings nicht selbstverständlich. Zwei Wochen bevor die Expo 02 ihre Tore endgültig schliessen wird, galt es für den letzten der 19 Gastkantone, sich etwas Besonderes einfallen zu lassen - das Motto hiess entsprechend «extratour». Um die möglicherweise bereits gesunkene Aufmerksamkeit der Expo-Gäste zu erregen und die vielen daheim gebliebenen Thurgauer, welche die Ausstellung bereits besucht hatten, zu erreichen, veranstalteten die Verantwortlichen eine virtuelle Entdeckungsreise nach Mostindien. Damit wollte der Thurgau eine überraschende Visitenkarte abgeben - wie er dies anlässlich von früheren Auftritten unter dem Motto «Aussen Grün - Innen Thurgau» an der Olma 1998 oder mit der 1.-August-Feier in Berlin 2001 getan hatte.
Mehr als nur Äpfel
Während einer siebeneinhalbstündigen Fernsehübertragung waren auf einer Grossleinwand auf der «Grande Scène» in Neuenburg kulturelle und landschaftliche Highlights, Interviews und Talk-Runden sowie vorproduzierte Filmbeiträge live zu sehen. Hier war das Herz der technisch aufwendigen TV-Produktion, wo unter anderem der waschechte Thurgauer Moderator Hansjörg Enz durch die Sendung führte. Zusätzlich wurden die Bilder via die zwei Lokalfernsehsender Tele Top und Tele Diessenhofen in die thurgauischen Haushalte übertragen. Neben den Attraktionen auf der Neuenburger Arteplage kamen die Zuschauer im schnellen - zu Beginn allerdings zu hektischen - Rhythmus in den Genuss von Wort- und Bildbeiträgen aus vier Aussenstandorten im Ostschweizer Kanton.
So widmete sich die Kartause Ittingen den bildenden Künsten, wobei die Bevölkerung eingeladen wurde, Kunstwerke aus ihrem Besitz ins Museum zu tragen und dort begutachten zu lassen. Hier begegneten sich auch alte Meister und zeitgenössische Thurgauer Künstler. In der Klosterkirche Fischingen stiess der Zuseher auf eine Geheimtür oder erfuhr Geschichten über den Pilgerweg, der bekanntlich über Fischingen nach Santiago de Compostela in Spanien führte. Das Bodman-Haus in Gottlieben, eines von drei Literaturhäusern in der Schweiz, lud dazu ein, sich mit Texten über den Thurgau zu beschäftigen. Und das Kribbeln vor der grossen Gala-Night zum Abschluss des Jazzfestivals «Generations» war schliesslich im Stadtcasino Frauenfeld zu erleben. An allen vier Aussenstandorten war mit Silvia von Ballmoos, Alenka Ambroz, Regula Elsener und Christa Möckli die Thurgauer Fernsehprominenz ebenfalls vertreten.
«Die Schweiz beginnt im Thurgau»
Die «extratour» war auch im sprichwörtlichen Sinne zu verstehen: Auf dem Programm stand nämlich noch eine Trouvaillensuche quer durch den ganzen Kanton in einem altehrwürdigen Saurer-Postauto, begleitet von einem Kamerahelikopter. Unterwegs stiegen immer wieder illustre Mitfahrer zu, die von Moderatorin Mona Vetsch gekonnt interviewt wurden: so der in Neu-Delhi aufgewachsene Süssmost-Werbeträger Anoop Singh, der jeden Tag die Thurgauer oder die Schweizer Fahne hisst, oder der unverwüstliche Altnationalrat Ernst Mühlemann, seines Zeichens früherer Schattenaussenminister, welcher die dem Thurgauervolk oft attribuierte Untertanenmentalität verneinte und alle Welt wissen liess: «Die Schweiz beginnt im Thurgau.»
Nicht nur kulturell, auch kulinarisch machte der Thurgau die Tausenden neugierigen Expo- Besucher auf sich aufmerksam. Neben dem Ausschank von Süssmost, Sauser und Klosterbräu wurden erlesene Amuse-Bouches gratis an die Gäste verteilt. Verschiedene Thurgauer Gastronomiebetriebe - fast ausnahmslos von Gilden- Köchen geführt - sorgten mit Tilsitermousse, Felchenknusperli oder Wildschweinrohschinken dafür, dass der Kanton auch in dieser Hinsicht in Erinnerung bleiben wird.
Mittelmeer, Wüste - und der Thurgau
Ob es dank diesem aufwendig inszenierten Kantonaltag gelang, die Vorurteile gegenüber dem Thurgau vollends zu beseitigen, lässt sich nicht mit abschliessender Sicherheit feststellen. Immerhin: Regierungspräsident Hans Peter Ruprecht bemühte sich am offiziellen Eröffnungsakt vor den rund 700 Mitwirkenden und Gästen redlich. Es gebe im Kanton nicht nur Äpfel, Most und Landwirtschaft, sondern auch Fisch, guten Wein, Gewerbe und Industrie. Jenseits von Winterthur sei es zwar zugegebenermassen oft neblig, doch deshalb sei die Bevölkerung nicht verschlossen, die Natur sei intakt und die Lebensqualität hoch. Dass die Thurgauer zusammenstehen können, bewies allein schon das mit geschwellter Brust gemeinsam intonierte Nationallied «Oh Thurgau, du Heimat».
Sollten jedoch all diese Anstrengungen nichts gefruchtet haben, so kann man sich mit Franz Steinegger, Präsidenten des Steuerungskomitees der Expo 02, auf den Arzt, Naturforscher und Philosophen Paracelsus berufen. Dieser kam nämlich zum bemerkenswerten Ergebnis, dass es lediglich drei Erden auf der Welt gibt: neben der arabischen und der griechischen eben das «Sal Turgovium». Für ihn war der Thurgau alles, was nicht Mittelmeer und Wüste ist. - Und letztlich kann es ja heute noch seine Vorzüge haben, wenn man weit weg und beinahe vergessen ist von Bundesbern. Steinegger versicherte nämlich den Thurgauern, dass er «zur Finanzierung der Expo in Bern antichambrieren und nicht als Langfinger in den Thurgau kommen werde».
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