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Facettenreicher Auftritt eines Randkantons
NZZ   7. September 2002
 
 
Walliser Expo-Kantonstag zwischen Mythos und Moderne
 
Der Walliser Kantonaltag vom Samstag bescherte der Expo 02 einen stimmungsvollen, kontrastreichen und gar widersprüchlichen Auftritt eines Berg- und Randkantons. Künstler zeichneten mit Musik, Theater und Tanz ein eher ungewohntes Bild des Wallis. Gleichzeitig schlug ein Walliser Bundesrat in Festlaune grundsätzliche Töne an.
 
 
lth. Biel, 7. September
 
 
Als am frühen Samstagvormittag die furchteinflössenden Lötschentaler Tschäggeten mit ihremdumpfen Getreichel und gleich noch zwei schränzende Guggenmusiken mit infernalischem Getöse über die eben noch etwas verschlafene Arteplage von Biel hereinbrachen, wussten die meisten Besucher: Die Walliser sind da - und sie feiernheute ihren Kantonstag. Mit den Maskenmenschen und den Fasnachtsmusikanten kamen 30 000 Besucher zum Walliser Tag nach Biel. Das sind immerhin fast so viele, wie ein attraktiver Fussball-Cup-Final in den besten Zeiten des FC Sitten auf die Beine brachte.
 
Gebrochene, milde Provokation
 
Unter die wogende Menge der Expo-Besucher mischten sich aber nicht nur die archaisch-derben Urmenschen aus heidnischen Vorzeiten und die musikalisch überraschend vielseitigen Fasnachtsbands aus dem Lötschental und aus Vionnaz, sondern sogleich auch kleine Theatergruppen in originellen Kostümen. Sie führten in Kurzdarbietungen eigenwillige Interpretationen von Walliser Sagen auf. Die Texte stammen ausnahmslos von dem in Berlin lebenden, 24-jährigen Walliser Autor Mathieu Bertholet. Er hat mit seiner französischen Übersetzung des Fassbinder-Stücks«Die bitteren Tränen der Petra von Kant» in beiden Sprachräumen Aufsehen erregt. Die eher eigenwilligen als provokativen Einfälle Bertholets hatten im Vorfeld des Walliser Kantonstages zu einem kleinen Eklat geführt: Eine bekannte Brassband aus dem Mittelwallis war bei der Walliser Regierung vorstellig geworden und hatte ihre Teilnahme am Kantonstag abgesagt, weil sie fand, die Beiträge Bertholets verhunzten das Wallis. Doch die Trägerschaft des Kantonstages unter der Ägide von Thomas Gsponer von der Walliser Industrie- und Handelskammer zeigte sich standhaft und die Walliser Regierung ebenso: Bertholet blieb im Programm, und statt der Brassband Treize Etoiles trat das nicht minder renommierte Ensemble de Cuivres valaisan in Biel auf. Die phantasievollen Gewänder und die augenzwinkernde Selbstironie der Schauspieler brachen undmilderten die aufmüpfigen Elemente und verfremdeten sie gar bis ins Klamaukhafte. Das Publikum genoss die Darbietungen sichtlich. Es verdankte ihnen vielleicht sogar Momente der Nachdenklichkeit, wenn beispielsweise die armen Seelen der Verstorbenen die Expo-Besucher im Sinne eines Memento mori mit leiser Eindringlichkeit an die eigene Vergänglichkeit gemahnten.
 
Verzicht auf Stereotype
 
Der wohltuende Verzicht auf Stereotype setzte sich bei den 13 je 13-minütigen Darbietungen (ein Anklang an die 13 Sterne im Walliser Wappen) im Hauptprogramm fort. Freilich mögen manche Heimweh-Walliser und vereinzelte, eigens aus dem Wallis angereiste Besucher leise enttäuscht gewesen sein. Denn das Programm entsprach überhaupt nicht den Vorstellungen jenes Wallis der Trachten und der Traditionen: Auf der Bühne wurden zeitgenössischer Jazz, fulminantes Tanzspektakel, stimmgewaltiger Vokal-Gesang, harter Rock, klassische Musik junger Komponisten, modernes Theater und eben doch folkloristischer Tanz geboten - allerdings von der Gruppe Les Zachéos; sie hat sich in ihrer Choreographie längst vom folkloristischen Gehopse gängigen Trachtentanzes gelöst und gibt eine echte Tanzschau zum Besten. Die herausragenden Akzente des Abends setzten aber junge Frauen wie die Sängerinnen und Performerinnen Sina und Erika Stucky mit einem lautmalenden, melodischen Poem, begleitet von einem reinen Frauen-Ensemble. Vor dem Hintergrund eines Videos, das Sequenzen aus dem Leben früherer Walliser Frauengenerationen auf die Bühne projizierte, stimmte Laurence Revey ihr mächtiges Alleluja auf die Walliser Frau an, einen zeitlosen Choralgesang wie eine lauretanische Litanei auf alleFrauen - stark und stolz und atemberaubend erotisch. Kein Wunder, dass Staatsratspräsident Thomas Burgener in der offiziellen Festrede von der unschweizerischen Leichtigkeit und Verspieltheit der Expo 02 sprach - und von einer unerträglichen Leichtigkeit des Schweiz-Seins sogar.
 
Ein eigenständiges Wallis
 
Ein Walliser Kantonstag ohne politische Untertöne wäre indes wie eine Raclette ohne Pfeffer gewesen. Das rhetorische Gewürz zum Festakt streute Bundesrat Pascal Couchepin in einem Heimspiel für den Walliser Magistraten in Festlaune. Dabei war seine mehrfach von spontanemBeifall unterbrochene Rede beileibe keine Lobhudelei auf Land und Leute. Zuerst erwies Bundesrat Couchepin seinem Heimatkanton dort die Reverenz, wo er sich selbstbewusst, eigenständig und offen zeigt: im experimentierfreudigen Weinbau, in der konkurrenzfähigen Industrie, in einemmodernen Erziehungswesen und bei den innovativen kleinen und mittleren Unternehmen. Doch es folgte dem Lob die Kritik auf dem Fuss: Der Walliser Tourismus brauche einen neuen Atem und unverbrauchte Akteure mit Eigeninitiative. Das Wallis solle endlich doch auch jenen letzten Rest von Zaghaftigkeit ablegen, der ihm immer noch anhafte und der sich gelegentlich in Aggressionen gegen die Eidgenossenschaft äussere, forderte Bundesrat Couchepin. Die Abhängigkeit des Wallis vom Bund sei immer noch zu gross. Rund die Hälfte der Einnahmen stammten aus Mitteln der Eidgenossenschaft. Wenn der Kanton Wallis diesen Anteil verringern könne, bewirke dies eine Stärkung seiner politischen Stellung in der Eidgenossenschaft.
 

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