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"Die Schweiz ist ein Land der Differenzen und der real existierenden Unterschiede", hatte der künstlische Leiter der Expo, Martin Heller, vor der Eröffnung der Landesausstellung in einem Interview gegenüber swissinfo gesagt. Das Bild, welches er noch vor drei Jahren von der Schweiz gehabt habe, erscheine ihm heute reichlich klischiert.
Der Darstellung von Differenzen räumt die Expo, wie sich nun zeigt, viel Platz ein. So befassten sich beispielsweise im Juli diverse Events mit den kulturellen Unterschieden und Fragen der Identität des Landes.
"Schweizer sein - Etre suisse - Essere svizzeri"
"Wir singen die interkantonale Version" - kündigte Franz Hohler eines seiner Lieder an am Konzert auf der Arteplage Biel. Zusammen mit Hohler traten der Tessiner Sänger Marco Zappa und der Chansonnier Michel Bühler aus der Romandie auf. Die "interkantonale Version" wurde dementsprechend in einem schweizerdeutschen, französischen und italienischen Sprach-Gemisch präsentiert.
"Schweizer sein - Etre suisse - Essere svizzeri", so der Titel des Programms. Hohlers Stücke übten zum Teil Kritik an einer Schweiz, die sich aus Angst vor Überfremdung zu sehr abschotte. Daneben präsentierte Michel Bühler romantische Lieder und Marco Zappa besang seine Liebe zum Markt in Bellinzona oder dachte voller Nostalgie an die einst mit Wasser überflutete Piazza Grande in Locarno. Die drei weckten innert kürzester Zeit die Lust auf Begegnung mit anderen (Sprach-)Regionen.
Gelungen bis verwirrend
Am Konzert von Hohler, Bühler und Zappa war die Sprachenvielfalt bereichernd, in der Oper "Black Tell", aufgeführt in Murten, wirkte sie jedoch verwirrend. Das Werk aus der Feder von fünf Schweizer Komponisten in den vier Landessprachen, Schweizerdeutsch und Englisch ist schwer verständlich. Wer das Programm nicht gelesen hat, kann sich in der ersten Stunde die Handlung kaum zusammenreimen, dies allerdings nicht nur der Sprachen, sondern auch der wirren Inszenierung wegen.
Erst als die Handlung simpel wird - "Black Tell" lernt Trudi Gessler kennen und lieben, Trudi gebärt den kleinen Helvetio - wird der Faden der Geschichte klarer. Die Darsteller überzeugen, die Oper als Ganzes hingegen nicht. Dennoch hinterlässt das Werk Spuren beim Publikum, steckt doch die Botschaft dahinter, Fremdem gegenüber offener zu sein. Zudem zeigt die Idee eines schwarzen Tells eine Bereitschaft, die heiligen Kühe zwar vielleicht nicht gerade zu schlachten aber jedenfalls zu hinterfragen.
194 Kulturen
Auf der Arteplage Yverdon hat die Schweizerische Unesco-Kommission fünf Theaterstücke zum Thema Ethik im Alltag inszeniert. Eines der Stücke befasste sich mit dem Zusammenleben der verschiedenen Nationen in der Schweiz: 194 sind es gemäss der Kommission. Diese Multikulturalität sei eine Herausforderung, der sich jede und jede stellen müsse, hiess es. Eine Herausforderung, die seltsam und spannend zugleich sei.
Dieser Anlass bot die Gelegenheit, die Kulturen der vier Schweizer Sprachregionen aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel zu betrachten - mit der Multikulturalität als verbindendem Element. Und weil an fremden Kulturen stets auch die unbekannten Speisen locken, bietet das Café Mondial in Yverdon während der ganzen Expo kulinarische Entdeckungsreisen an, Gastland war einmal gar das ferne Tadschikistan...
Blick nach innen
Kulturelle, sprachliche oder territoriale Grenzen - die Expo ermöglicht Einblicke. Zudem öffnet sie die Augen für psychische, soziale und körperliche Schranken innerhalb unserer Gesellschaft, dies in der Ausstellung "Grenzen (er)leben" in Biel. Geschaffen von acht Schweizer Grenzkantonen thematisiert das Projekt erstaunlicherweise nicht deren tägliche Realitäten mit geographischen Grenzen. Stattdessen werden die Besucher mit Grenzen konfrontiert, welche die Kultur unseres Zusammenlebens prägen. Grenzen, die ausschliessen.
Kabinen reihen sich an den Wänden um einen Raum, in welchem gesichtslose Schattenfiguren tanzen. Die Kabinen bieten Schutz - und aus Lautsprechern Geschichten von Grenzerfahrungen anderer. Hier beschreibt eine Frau, wie sie die Fassade nach aussen hin wahrt, obwohl ihr Mann sie schlägt. Dort erzählt ein Mann von seinem Leben als Behinderter. In einer anderen Kabine erfahren der Besucher und die Besucherin, was einem Menschen durch den Kopf geht, der sein Geschlecht gewechselt hat.
Ein Teil davon sein
Das Thema der Identität(en) durchdringt die Expo. Die Differenzen, von welchen Martin Heller gesprochen hat, erhalten ein Gesicht. Das Publikum hat die Möglichkeit, eine vielfältige, multikulturelle Schweiz kennenzulernen und sich selbst als Teil davon zu erleben. Lust auf Begegnung wird geweckt, Toleranz als wichtig erachtet.
Die Expo schafft auch konkrete Möglichkeiten zu Bekanntschaften: So wurden beispielsweise Ende Juli 26 Familien aus 26 Schweizer Kantonen eingeladen. Gut möglich, dass hier der Boden für die eine oder andere Freundschaft gelegt wurde - eine "interkantonale Version" einer Begegnung, würde Franz Hohler sie vielleicht nennen.
Kathrin Boss Brawand
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