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Betteln erlaubt
swissinfo   22. August 2002
 
 
In der reichen Schweiz wird Armut von den Betroffenen als persönliches Versagen wahrgenommen.
In der reichen Schweiz wird Armut von den Betroffenen als persönliches Versagen wahrgenommen.
Seit Montag darf auf der Arteplage Biel offiziell gebettelt werden. Die Expo.02 will damit für die Armut in der Schweiz sensibilisieren.
 
Jede 11. Person in der Schweiz gilt als arm. Dennoch gehören Bettler in der reichen Schweiz nicht zum Strassenbild.
 
 
Die Expo.02 sucht Bettlerinnen und Bettler: "Wollen Sie einmal erfahren, was es heisst zu betteln", wirbt die Landesausstellung. Bis zum 8. September darf auf der Arteplage Biel offiziell gebettelt werden - natürlich nur an den dafür vorgesehen Standorten und nur für Inhaber einer Bettellizenz, welche im Bettelbüro zu beziehen ist.

Laut Bettelregeln darf für maximal vier Stunden gebettelt werden. Die Bettlerinnen und Bettler können das erbettelte Geld behalten oder für einen guten Zweck spenden. Über den ordnungsgemässen Ablauf der Aktion wacht der Bettelpatron Andreas Zehnder von der Winterhilfe.
 
Keine Provokation
 
Die Aktion sei keine Provokation, sondern eine unkonventionelle Art, die Armut zu thematisieren und zum Nachdenken anzuregen, sagt Zehnder gegenüber swissinfo. "Denn die Betroffenen scheuen die Öffentlichkeit und nehmen Armut als einen menschlichen Makel wahr."

In der Schweiz seien Bettler in der Regel Randständige oder Menschen aus Osteuropa. "Aber für die von Armut Betroffenen ist die Situation durchaus vergleichbar: Sie müssen bei der öffentlichen Hand oder bei privaten Institutionen um Unterstützung nachsuchen und dabei ihre privaten Verhältnisse detailliert offen legen", meint Zehnder. Dies komme einer öffentlichen Entblössung gleich.
 
Armut nicht erlebbar
 
"Wir haben nach einer Form gesucht, die stark genug ist, um wahrgenommen zu werden und die medial begleitbar ist", sagt Martin Heller, künstlerischer Leiter der Expo.02, gegenüber swissinfo. Die Aktion dürfe indes nicht mit der Realität verwechselt werden. "Man kann nicht erleben, wie es ist zu betteln, wie man in der Blindenkuh auch nicht erleben kann, wie es ist, blind zu sein." Es gehe lediglich um das Anritzen eines Themas.

Ist das Thema Armut nicht zu komplex für eine solche Aktion? "Nein, überhaupt nicht. Wenn ich eine ausgestreckte Hand sehe, weiss ich was dies bedeutet – auch ohne Wissen um die Hintergründe struktureller Armut." Eine Ausstellung hätte zudem viel Geld gekostet, und die Expo hätte kaum Sponsoren zu diesem Thema gefunden, meint Heller.
 
Kontrast zu Glanz & Glamour
 
Laut Ole Rauch von der Ideen-Fabrik BrainStore, welche das Projekt im Auftrag der Expo ausarbeitete, gibt es für die Bettelaktion keine Vorbilder. "Es ging darum, neben dem ganzen Glanz und Glamour der Expo einen Kontrast zu setzen."

Die Reaktion der Hilfswerke auf die Aktion sei sehr positiv gewesen. "Den Hilfswerken ging es sehr stark darum, das Thema Armut nicht ins Lächerliche zu ziehen." Die Teilnahme der Winterhilfe zeige, dass es gelungen sei, das Thema mit dem gebührenden Ernst zu behandeln.

Die Winterhilfe habe zuerst gezögert, ob sie als Institution mitmachen soll, meint Zehnder. Nach den vielen Diskussionen sei er nun aber sehr gespannt, wie die Aktion verlaufe. Vielleicht gehe er sogar selbst betteln, seine Familie wolle es auf jeden Fall versuchen, erklärt der Bettelpatron.

Hansjörg Bolliger
 

Fotogalerie
 NZZ - Biel

 Armut in der Schweiz
 swissinfo: Reiche Schweiz, arme Schweizer
 swissinfo: Jedes siebte Kind lebt in Armut
 Winterhilfe

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