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Wohlstands-Betteln an der Expo
swissinfo   29. August 2002
 
 
Betteln erlaubt - unter strengen Bedingungen.
Betteln erlaubt - unter strengen Bedingungen.
Für zwei Wochen ist auf der Arteplage Biel das Betteln erlaubt. Die Aktion unter dem Patronat der Winterhilfe macht auf die armen Schweizer und Schweizerinnen aufmerksam - ein Zehntel der Bevölkerung.
 
swissinfo ging selber betteln.
 
 
Den Hut äufne ich mit 3.20 Franken eigenem Kleingeld. Wo nichts ist, gibt niemand, hatte mir vor Langem ein Strassenmusiker erklärt. Dann schiebe ich mein Sammelgefäss vor die Füsse der Expo-Besuchenden.

Schon nach zwei Minuten wirft eine ältere Frau mit Sonnenbrille ein Fünffranken-Stück in den Hut. Hinter mir klimpert es auch schon geraume Zeit – und ja, eine Expo-Angestellte bringt ihr Kleingeld. Das lässt sich offenbar gut an.
 
Betteln mit Erlaubnis
 
"Ganz verschiedene Leute kommen betteln", sagt Projektleiter Luca Weber. Organisiert hat die Aktion "Betteln erlaubt" das Ideen-Büro Brainstore aus Biel. Vor allem jüngere Personen würden sich für die Bettel-Erfahrung interessieren, beobachteten die Helferinnen und Helfer.

Gebettelt wird nach klaren Richtlinien an einer von neun Bettelstationen auf der Arteplage Biel. Wer zwischen einer und vier Stunden betteln will, muss sich anmelden, erhält einen Bettelausweis und muss einen Bettelgrund angeben. "Die Leute können für sich selber betteln oder für einen guten Zweck", erklärt Weber.
 
Gespendet nach eigenen Erfahrungen
 
Ich sitze am Boden, auf dem Pappkarton vor meinen Füssen steht "Flutopfer, via Glückskette". Zwei junge Männer in Hörweite: "Ich habe schon 30 Euro gespendet." Für mich gibt es trotzdem alles Münz, das sie dabei haben.

Ein älterer Mann schaut auf mich herunter und erzählt von seinen Erfahrungen. Sein Keller unter Wasser - schrecklich sei das gewesen. "Aber was wir hier hatten, ist immer noch Sonntag im Vergleich zu den Fluten in Asien." Er spendet eine Zehnernote. Eine ältere Frau im Rollstuhl sucht in der Tasche und spendet eine Zwanzigernote.

Die Noten schiebe ich in meine Tasche, sobald die Spendenden einige Meter weit weg sind. Wo zuviel Geld liegt, will niemand mehr geben, sagte mein Strassenmusiker.
 
Unter dem Patronat der Winterhilfe
 
Die Bettel-Aktion steht unter dem Patronat der Winterhilfe Schweiz. Zentralsekretär Andreas Zehnder ist zufrieden, wie die Aktion angelaufen ist. "Wir wollen die Leute für die Armut in der Schweiz sensibilisieren. Wer um staatliche Unterstützung bitten muss, schämt sich oft dafür und sieht seine Armut als Makel." Ganz ähnlich wie die Bettelnden auf der Strasse müssten sich jene Personen exponieren, die von Institutionen Geld wollen.
 
Wenig Geld in der Ausbildung
 
Für sich selber bettelt Konrad, Student aus dem Kanton Aargau. "Ich bin auf die Leute zugegangen, habe Augenkontakt gesucht, aber nie ein Wort gesagt." Auf seinem Papp-Schild steht: "In Ausbildung, unter dem Existenzminimum". Nach einer Stunde hat er 48.60 Franken zusammen.

Christine, seine Begleiterin, Krankenschwester in Ausbildung, bettelt mit demselben Schild. Sie kommt auf 37.35 Franken. "Ich werde das jetzt trotzdem einem guten Zweck spenden. Ich wollte aber die Reaktion von Menschen erleben, die meinten, ich bettle für mich selber."
 
Ego-Betteln versus Fundraising
 
"Wenn Leute für sich selber betteln, gibt es eher weniger. Falls man ihnen nicht ansieht, dass sie auch wirklich Geld brauchen", weiss Projektleiter Weber.

Es gebe Leute, die kämen nach einer Stunde mit drei oder sechs Franken zurück, und andere, die über 100 Franken sammelten. Im Bettelbüro wird nach dem Betteln minutiös abgerechnet. Über jeden Tag wird Statistik geführt.

Bis am Mittwochabend wurden von 49 Personen insgesamt 4371 Franken und 50 Euro erbettelt. 2393 Franken davon gingen an gemeinnützige Zwecke, erbettelt von 23 Bettelnden.

Der Durchschnitts-Verdienst der Bettelnden lag bei 89.20 Franken pro Stunde; die durchschnittliche Bettelzeit lag bei einer Stunde und 26 Minuten.
 
Knapp vor Rückenschmerzen und Sonnenbrand
 
Nach eineinhalb Stunden wird das "Wohlstandsbetteln" auch für mich etwas langweilig. Ich spüre vom Sitzen meinen Rücken und erahne die leise Sonnen-Rötung meines Nackens.

Statt länger passiv zu Füssen der Besuchenden zu sitzen, werde ich offensiv und beginne, die Leute anzusprechen – nicht ohne vorher den Hut-Inhalt wieder auf 3.20 Franken zu reduzieren.
 
Offensive zahlt sich aus
 
"Sorry, ich bettle für die Flutopfer in Asien", sage ich mit dem gewinnendsten Lächeln, das ich zu Stande bringe. Das Pärchen – er leicht angegraut mit Schweizerkreuz T-Shirt, sie aufwändig frisiert und einige Jahre jünger – ignoriert mein Lächeln, und er wedelt mich und mein Anliegen mit der Hand weg.

Zwei Frauen hingegen wollen genau wissen, für welche Flutopfer ich bettle. Die eine hat das Portemonnaie in der Tasche, die andere im Rucksack. Beide spenden.

Offensiv betteln ist sehr viel exponierter, als nur hinter dem Schild sitzen. Es ist anstrengend und unangenehmer, auch wenn ich ja eher Fundraising mache als bettle.

Nach einer halben Stunde habe ich genug davon. Die Bilanz: Eine Zwanzigernote, drei Fünffranken-Stücke und Münz.
 
Für einmal legal betteln
 
"Normalerweise kriegt man pro Person zwei bis drei Franken, die Fünfliber sind auf der Gasse die Ausnahme", sagt Paul (Name geändert), der sich seit einigen Jahren bettelnd durchs Leben schlägt.

"Ich habe in einer Gratiszeitung gelesen, dass man auf der Expo legal betteln darf, da habe ich entschieden herzukommen." Paul hat Asthma und geht an der Krücke. Auf seinem Bettelschild steht als Grund: "Notlage". Man glaubt ihm.
 
Auch wer nur betteln will, muss Eintritt zahlen
 
Wer an der Expo betteln will, muss eine gültige Eintrittskarte vorweisen. Ein Tagespass kostet 48 Franken, die Saisonkarte ein Vielfaches; nichts für Leute, die knapp bei Kasse sind.

Menschen, die wirklich Betteln müssen, sind nicht die Zielgruppe des Projektes, wie Weber erklärt: "Die Aktion ist für Leute gedacht, die normalerweise nicht erleben, was es bedeutet, wenn man sich öffentlich aussetzen und zeigen muss, 'ich brauche Geld'."

Auch Zehnder von der Winterhilfe weiss, dass die Expo-Situation nicht vergleichbar ist mit der Realität.

Die Aktion wolle eine Botschaft vermitteln, wolle zeigen, was es fürs Selbstvertrauen heisse, sich für Geld exponieren zu müssen. "Und das ist uns nicht schlecht gelungen", meint Bettel-Patron Zehnder.

Vom Schreibenden gingen nach knapp zwei Stunden betteln 104.45 Franken via die Glückskette an die Flutopfer in Asien.

Philippe Kropf, Biel
 

Fotogalerie
 NZZ - Biel

 Winterhilfe

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